Im September hatte ich in „Compute ist der Hebel“ beschrieben, wie drei KI-Labore über ein Tempolimit für ihre Branche verhandeln, während Nvidia als Hersteller der dafür nötigen Rechenleistung nicht mit am Tisch sitzt. Gut vier Wochen später saß Jensen Huang in Berlin neben dem Bundeskanzler. Beim Investitionsgipfel „Invest in Germany“ am 19. Oktober 2026 unterzeichneten das Wirtschafts- und das Forschungsministerium eine Absichtserklärung mit Nvidia. In den Tagen davor war von einem KI-Pakt mit dreistelligem Millionenbetrag, einem Dutzend Partnerfirmen und Rechenzeit in der Telekom-Cloud die Rede. Ich wollte wissen, was davon im unterschriebenen Papier steht, wer was einbringt und welche Rolle die Industriedaten spielen, um die es Kanzler und Nvidia-Chef auf der Bühne vor allem ging.
Unterschrieben ist eine Absicht, noch kein Programm
Die Bundesregierung beschreibt die Vereinbarung in ihrer Pressemitteilung vom 19. Oktober. Die Partner wollen demnach „eine Initiative zur Entwicklung modernster KI-Modelle für Physical AI voranzutreiben“. Physical AI bezeichnet KI, die mit der physischen Welt interagiert und Maschinen steuert, etwa Roboter, autonome Fahrzeuge oder Anlagen in der Fertigung. Die Initiative baue auf „Deutschlands herausragenden Industriedaten, seiner Fertigungskompetenz und seiner Expertise im Ingenieurwesen auf“, zitiert die ZEIT die Regierung. Geplant sind spezialisierte, offene Modelle für die Industrie. Als technische Grundlage nennt die Regierung zwei Modellfamilien von Nvidia, Nemotron und Cosmos. Organisatorisch hängt das Vorhaben an der Plattform Industrie 4.0, einem Netzwerk aus Politik, Industrie, Forschung und Verbänden, das das Forschungs- und das Wirtschaftsministerium seit Juli auf industrielle KI ausrichten. Nvidia bestätigt in seinem eigenen Blog die gemeinsame Absichtserklärung mit beiden Ministerien und die Anbindung an die Plattform.
Ebenso aufschlussreich ist, was in der Mitteilung fehlt. Sie nennt keine Summe, kein Partnerunternehmen außer Nvidia und keinen Zeitplan. Auch Nvidias Darstellung enthält keinen Betrag für Deutschland, sondern nur eine Summe für ganz Europa: knapp zehn Milliarden US-Dollar. Selbst die ist nicht eindeutig. Nvidia beschreibt sie im Blog als Zusage, Huang sprach in seiner Keynote zwei Tage später von Geld, das im vergangenen Jahr bereits investiert wurde. Eine Absichtserklärung ist kein Vertrag. Sie verpflichtet niemanden, und es gibt bisher weder ein Förderprogramm noch einen Antragsweg, worauf das digital-magazin hinweist. Für Betriebe, die mitmachen wollen, bleibt damit offen, wie sie Zugang zu den Modellen bekommen, zu welchen Kosten und auf welcher Plattform.
Der Rahmen war ein Investitionsgipfel, und an Investitionen misst ihn auch die Wirtschaft. Eine Konferenz sei „schön und gut“, nun müsse aber auch konkret etwas daraus folgen, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, der ZEIT. Gemessen daran ist die Absichtserklärung das sichtbarste Ergebnis des ersten Gipfeltags. Wie konkret sie wird, entscheidet sich erst in den nächsten Schritten.
Geld, Partner und Rechenzeit stehen bisher nur in Medienberichten
Die Zahlen, die vor dem Gipfel kursierten, gehen fast alle auf einen Bericht des Handelsblatts vom 15. Oktober zurück. Regierungskreise bestätigten laut heise den Plan einer Kooperation, nicht aber seine Einzelheiten. Nach diesen Berichten ist der Bund bereit, einen dreistelligen Millionenbetrag zu investieren. Laut ZDFheute soll diese Anschubfinanzierung unter anderem „Rechenkapazität in einer KI-Cloud der Deutschen Telekom mieten“, Nvidia will Ingenieure entsenden und Chips liefern. Rund zwölf deutsche Firmen könnten sich beteiligen, genannt werden Siemens, Audi und Black Forest Labs. Laut Golem spielt außerdem das deutsche Projekt Soofi (Sovereign Open Source Foundation Models) eine wichtige Rolle, das offene KI-Modelle entwickeln soll.
Keine dieser Angaben steht in der Pressemitteilung. Ich behandle sie deshalb als Berichte über Pläne und nicht als Inhalt des Pakts. Das gilt auch für die genannten Firmen. Siemens arbeitet mit Nvidia bereits an KI-gesteuerten Fabriken, wie ComputerBase berichtet, und an Black Forest Labs ist Nvidia nach Huangs eigenen Worten beteiligt. Ob beide Teil der neuen Initiative werden, ist nicht bestätigt.
Belegt ist dagegen, was Nvidia am selben Tag auf eigene Rechnung angekündigt hat. Laut dem Nvidia-Blog plant der Konzern neue Beteiligungen an vier deutschen Start-ups: dem Robotikunternehmen Agile Robots, Avelios Medical, Mirelo und Reflex Aerospace. Black Forest Labs, n8n und Neura Robotics unterstützt Nvidia bereits. Die Beteiligungen gehören nicht zur Absichtserklärung, sondern zu der europaweiten Summe von knapp zehn Milliarden US-Dollar. Sie zeigen aber, wie eng Nvidia schon vor jedem Förderprogramm mit den Firmen verbunden ist, die ein solches Programm tragen könnten.
Trifft die Angabe zur Telekom-Cloud zu, ergibt sich ein Kreislauf, der einen genaueren Blick lohnt. Die Industrial AI Cloud der Telekom in München läuft mit rund 10.000 Nvidia-GPUs, wie ich in „Rechenzentren in Deutschland 2026“ beschrieben habe. Öffentliches Geld würde dann Rechenzeit auf Nvidia-Hardware mieten, um Modelle auf Basis von Nvidia-Software zu trainieren, unterstützt von Nvidia-Ingenieuren. Einen Vorwurf sehe ich darin nicht, für Physical AI in diesem Maßstab gibt es laut Handelsblatt derzeit nur wenige Alternativen. Es zeigt aber, wo bei diesem Pakt die Abhängigkeit liegt.
Die Daten bleiben im Land, die Werkzeuge kommen von außen
Auf der Bühne ging es weniger um Geld als um Daten. „Bitte öffnen Sie Ihre Türen für KI, damit sie Ihre Daten nutzen kann. Das ist entscheidend für die deutsche Zukunft“, sagte Merz laut ZEIT an die anwesenden Unternehmer gerichtet. Huang stimmte zu: „Die Daten Deutschlands sind Teil der Ressourcen des Landes“, zitiert ihn heise, sie sollten deshalb in lokalen Modellen genutzt werden. Laut ZEIT warnte er davor, Wissen abzugeben, um es später als importierte Intelligenz zurückzukaufen. Über das Fachwissen deutscher Ingenieure sagte er nach Nvidias Wiedergabe: „It cannot be replaced. AI can only augment your capability, it will not replace your capability.“ KI soll dieses Wissen also erweitern, nicht ersetzen.
Ob dieses Versprechen trägt, hängt davon ab, was unter Souveränität verstanden wird. Gemeint ist in der Regel die Fähigkeit, über Daten, Modelle und Infrastruktur selbst zu entscheiden und den Anbieter notfalls wechseln zu können. Nach diesem Maßstab deckt Huangs Argument nur den ersten Teil ab. Die Daten sollen im Land bleiben, die Werkzeuge, mit denen aus ihnen Modelle werden, kommen von Nvidia. Die ZEIT benennt die Kritik offen: Die Robotik-KI „made in Germany“ soll auf Nvidia-Software basieren, Kritiker bezweifeln deshalb, dass sie souverän ist. Wer angefangen habe, seine Industrie-KI mit Nvidia-Technologie zu entwickeln, steige wahrscheinlich später nicht auf die Konkurrenz um. Offene Modelle sind ein Schritt in die andere Richtung, weil sie sich prüfen und weiterentwickeln lassen. In seiner Keynote zur GTC in Berlin zwei Tage nach dem Gipfel ging Huang hier weiter als die Absichtserklärung. Nvidia liefere zu den offenen Modellen auch die Daten und die Skripte, mit denen sie sich nachbauen lassen, berichtet Nvidia in seinem Blog zur Keynote. Unternehmen sollen sie mit eigenen Daten weitertrainieren und so, in Huangs Worten, „sovereign intelligence“ aufbauen. Die ZEIT fasst seine Antwort auf die Frage nach der Abhängigkeit so zusammen: Nvidia liefert die Technik, danach gehört sie den Kunden, ebenso ihre Daten und ihr Fachwissen. Das ist eine Zusage von der Bühne. Wem die angepassten Modelle gehören und wie ein Wechsel aussähe, lässt die Absichtserklärung offen.
Neu ist der Appell an die Unternehmen nicht. heise erinnert daran, dass die Hoffnungen auf Datenmärkte über Firmengrenzen hinweg, etwa bei Gaia-X und Catena-X, bisher kaum erfüllt wurden und in Berlin nicht zur Sprache kamen.
Huangs Reihenfolge für die Regulierung
Den Moment, der für die Frage nach dem Tempo der Branche am meisten hergibt, hat Merz selbst herbeigeführt. Er fragte Huang auf der Bühne, wie KI reguliert werden solle. Huangs Antwort laut heise: Ohne Sicherheit seien Fähigkeiten nutzlos, Regulierung ohne Technologie sei aber unmöglich, auch funktionale Sicherheit müsse erst erfunden werden. „Wir müssen sicherstellen, dass Unternehmen sich an die bestverfügbaren Sicherheitsstandards halten.“ Regulierung solle die Anwendungen betreffen und nicht die Technologie als solche.
In der Serie „Wer bestimmt das Tempo“ ging es bisher um die Frage, wer in den USA über die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung entscheidet, zuletzt in „Vom Kartellvorwurf zur Behörde“. Ich lese aus Huangs Antwort eine Reihenfolge aus Sicht eines Herstellers: zuerst die Technik, dann die Sicherheitsstandards der Unternehmen, zuletzt der Staat, und dieser bei den Anwendungen. Ein Chip ist keine Anwendung. Eine Regulierung nach diesem Muster ließe genau den Hebel unberührt, um den es in „Compute ist der Hebel“ ging. Das ist meine Einschätzung der Interessenlage. Compute als Gegenstand von Regulierung hat Huang in Berlin nicht angesprochen, obwohl seine Keynote zwei Tage später fast nur von Rechenleistung handelte. Sicherheit war in der Keynote eine technische Aufgabe: Mit OpenShell stellte Nvidia eine offene Laufzeitumgebung vor, die KI-Agenten abgeschottet und mit eng begrenzten Rechten arbeiten lässt. „The most important thing is to make sure the agent is secure“, sagte Huang laut Nvidia. Auf der GTC wurde er an anderer Stelle deutlicher. Laut heise lehnte er eine gesetzlich erzwungene, koordinierte Bremse ab, wie sie Anthropic-Chef Dario Amodei im September vorgeschlagen hatte, und begründete das mit den Vorfällen dieses Jahres: „Regulierung hätte sie nicht gestoppt, Ingenieure und Technologie schon.“ Wer sich selbst binden wolle, könne sich dafür einsetzen, „aber du musst nicht dafür werben, dass jemand alle zwingt“. Das passt zu der Reihenfolge, die er Merz beschrieben hatte, und es ist die direkte Gegenposition zu dem Mechanismus, den ich in „Eine Marktordnung, kein Sicherheitskonzept“ untersucht habe.
Merz stimmte zu, KI solle mindestens europäisch, besser global reguliert werden, und fügte hinzu, er habe die Ausnahme von Maschinen aus der KI-Verordnung erreicht. heise hält dagegen, bei den Verhandlungen 2023 sei Merz nur Oppositionsführer gewesen. Der Einwand greift zu kurz, denn die Ausnahme stammt aus diesem Jahr. Mit dem KI-Omnibus, einem Änderungspaket, das Fristen verschiebt und doppelte Vorgaben abbauen soll, hat die EU die KI-Verordnung nachträglich angepasst. Die Verordnung (EU) 2026/1744 ist seit dem 27. Juli in Kraft. Sie verschiebt die Maschinenverordnung innerhalb des Anhangs I in einen Abschnitt, für den die KI-Verordnung nur noch am Rande gilt, wie EY Law zusammenfasst. Merz hatte das öffentlich angekündigt. Bei der Eröffnung der Hannover Messe im April sagte er laut Redetext, er werde sich dafür einsetzen, „wenn möglich industrielle KI aus dem gegenwärtigen, zu engen Korsett der KI-Regulierung der Europäischen Union herauszulösen“. Eine vollständige Ausnahme ist es trotzdem nicht. Sicherheitsbauteile von Maschinen gelten weiter als Hochrisiko-KI, und die Anforderungen sollen über Rechtsakte der Kommission in die Maschinenverordnung wandern, anwendbar ab August 2028. Die Regeln entfallen also nicht, sie ziehen ins Produktrecht um.
Fazit: ein Platz am Tisch, aber noch kein Vertrag
In „Compute ist der Hebel“ fehlte Nvidia an dem Tisch, an dem über das Tempo der Branche verhandelt wird. In Berlin sitzt der Konzern an einem anderen Tisch und bringt fast alles mit, was dort gebraucht wird: Hardware, Modelle, Ingenieure und einen Vorschlag, wie Regulierung aussehen sollte. Der Bund bringt Industriedaten, eine Plattform und nach Medienberichten Geld ein. Belegt ist bisher nur die Absicht. Summe, Partner und Verbindlichkeit fehlen.
Die interessanteste Frage liegt für mich deshalb weniger bei der Summe als bei den Rechten. Wem gehört ein Modell, das mit deutschen Fabrikdaten auf Nvidia-Software angepasst wurde, und wie kommt ein Unternehmen wieder heraus, wenn es den Anbieter wechseln will? Beim Aufbau meines eigenen Second Brain stand am Anfang dieselbe Anforderung, nur im Kleinen: Die KI muss austauschbar sein, der Kontext muss bleiben. In „Vendor-Lock-in vs. Second-Brain-Ziel“ habe ich beschrieben, wie diese Unabhängigkeit dort zum Nebeneffekt einer klaren Struktur wurde. Für die Industrie gilt nach meiner Einschätzung dasselbe Prinzip in größerem Maßstab: Daten als Ressource zu begreifen hilft nur, wenn auch das Modell, das aus ihnen entsteht, beweglich bleibt.
Ausblick
Die Keynote der GTC am 21. Oktober brachte zum Pakt keine Einzelheiten. Huang sprach im Tempodrom über Rechenzentren im Container, offene Modelle und einen Referenzroboter auf Basis eines Roboters des Münchner Unternehmens Agile Robots, an dem sich Nvidia zwei Tage zuvor zu beteiligen angekündigt hatte, aber weder über die Absichtserklärung noch über Summen, Partner oder die Telekom-Cloud. Offen bleibt damit, ob aus der Absichtserklärung ein Förderprogramm mit Zugangsbedingungen für den Mittelstand wird und wie die Kommission die Anforderungen an KI in Maschinen bis 2028 ins Produktrecht überträgt. Ein Gedanke, der rund um den Gipfel in sozialen Netzwerken kursierte, verdient einen eigenen Blick: dass mit Nvidia gerade eine neue Leitwährung entstehe. Warum die These an den Fakten scheitert und was an ihr trotzdem interessant ist, folgt in einem eigenen Beitrag.