Der Chef von Anthropic bittet den Staat um eine Ausnahme vom Kartellrecht. Er schreibt das nicht in eine Fußnote, sondern in den Haupttext seines Essays „We Must Pace the Frontier", veröffentlicht am 12. September 2026. In meinem ersten Beitrag zu diesem Thema ging es um das Muster hinter der Warn-Rhetorik der Tech-CEOs, im zweiten um die strukturellen Gründe für den Zeitpunkt, im dritten um die Vorfälle und Marktreaktionen der Tage danach. Dieser Beitrag stellt eine andere Frage: Was genau schlägt der Essay als Mechanismus vor, und wer bekäme damit künftig die Kontrolle über das Tempo der Branche?
Drei Textstellen, ein Muster
Liest man den Essay nicht als Stimmungsbild, sondern als Vorschlag mit konkreten Bausteinen, fallen drei Stellen besonders auf.
Erstens die Absprache zwischen den Laboren selbst. Amodei schreibt, die US-Regierung müsse solche Gespräche nicht führen, aber ermöglichen: „they don't need to participate, but do need to issue a narrow waiver for certain kinds of safety conversations." Wer im Einzelfall entscheidet, was eine Sicherheitskonversation ist und was eine Marktabsprache, bleibt im Text offen. Die größten Unternehmen der Branche bitten damit um die Erlaubnis, sich untereinander über das eigene Entwicklungstempo abzustimmen, mit staatlichem Segen. Dass diese Bitte überhaupt nötig ist, bezweifelt ausgerechnet eine Stimme mit direkter Erfahrung in der Behörde, die sie erteilen müsste: Alvaro Bedoya, bis vor Kurzem selbst Kommissar der US-Wettbewerbsbehörde FTC, verweist auf eine gemeinsame Grundsatzerklärung von Justizministerium und FTC vom 10. April 2014, wonach Kartellrecht „kein Hindernis für legitimen Austausch zu Cybersicherheit" ist, und zieht daraus den Schluss: „the companies have, right now and yesterday, the ability to coordinate to stop any safety and health risks. Antitrust is no barrier to that." Legal sei nur die Sicherheits-Koordination selbst, nicht eine Abstimmung, die günstigere Konkurrenz, etwa offene Modelle, gezielt vom Markt ausschließt, so Bedoya laut BeInCrypto. Sein Fazit zu den Motiven hinter der Bitte fällt entsprechend knapp aus: Die Sorge einzelner Mitarbeiter mag ernst gemeint sein, den Vorstoß der CEOs für eine breite Kartellrechts-Ausnahme müsse man dagegen angesichts der wirtschaftlichen Lage der Branche und der Konkurrenz durch offene Modelle mit „tiefer Skepsis" betrachten.
Zweitens die Zugbrücke über Fähigkeits-Checkpoints. Amodei schlägt vor: „if models have capability X, then they need to be accompanied by certifications of alignment properties Y and Z", ergänzt um eine Steuerung über die Zutaten selbst, „training compute, the nature of training runs, or internal use of AI to improve AI." Im Essay ist das als Möglichkeit formuliert, keine feste Forderung. Die Richtung ist trotzdem klar: Jede Schwelle, die erst ab einem bestimmten Compute-Niveau passiert werden darf, ist für die Besitzer der größten Rechenzentren eine Formalität und für alle anderen eine Mauer. Offene Modelle kommen im gesamten Text kein einziges Mal vor. Wie unfertig dieser Baustein bleibt, zeigt die Kritik des Branchenmediums StartupHub.ai: Der Essay lasse „the speed limit blank", ohne messbare Schwelle oder Konsequenz bei Überschreitung. Der KI-Analyst Zvi Mowshowitz geht in seiner ausführlichen Einordnung noch einen Schritt weiter und stellt die Compute-basierte Steuerung selbst infrage: Fähigkeitsbasierte Schwellen, die an konkrete Bedrohungsszenarien anknüpfen, hält er für vorzugswürdig, warnt aber gleichzeitig, dass am Ende beide Ansätze am selben Problem scheitern können, wenn „the evals won't meaningfully measure what you want."
Drittens die Prüfer. Anthropic verpflichtet sich, externen Evaluatoren dauerhaften, „mitarbeiterähnlichen" Zugang zu geben, mit Veröffentlichungsrecht ohne redaktionelle Kontrolle: „the right to publish key findings about risk levels, incidents, practices, and the access they received or didn't receive […] without editorial control by Anthropic." Das ist mehr, als die Branche bisher zugelassen hat, und sollte nicht kleingeredet werden. Direkt daneben steht aber die Einschränkung: „We will have the narrow ability to redact security-sensitive, legally privileged, commercially sensitive, or third-party confidential information." Wer die Prüfer ins Haus holt und selbst definiert, was „commercially sensitive" bedeutet, entscheidet auch mit, was am Ende öffentlich wird. Zvi Mowshowitz hält gerade die Formulierung „we can't redact findings just because they are unfavorable" für die eigentlich wirksame Klausel, warnt aber vor „cherry picking" bei den Laboren, „whose hearts aren't in it." Noch grundsätzlicher wird der frühere Stability-AI-Gründer Emad Mostaque: Selbst der Vorstand von OpenAI sei kein ausreichend mächtiger Prüfer gewesen, um Sam Altman zu stoppen, schreibt er auf X, „even OpenAI's board weren't powerful enough evaluators" und plädiert stattdessen für eine Prüfung der Modelle selbst statt ihrer Betreiber.
Warum das juristisch mehr ist als eine Formulierungsfrage
Dass eine Gruppe von Wettbewerbern sich gegenseitig auf ein gemeinsames Tempo verständigt, ist im Kartellrecht kein Randproblem, sondern der Lehrbuchfall einer Kapazitätsbeschränkung. Die wettbewerbsrechtliche Fachseite Truth on the Market ordnet Amodeis Vorschlag entsprechend als „crisis cartel" ein und verweist auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache Irish Beef: Eine freiwillige, 25-prozentige Kapazitätskürzung unter Wettbewerbern in der Fleischindustrie wurde dort als Wettbewerbsbeschränkung „by object" gewertet, unabhängig von den guten Absichten dahinter. Der Artikel benennt außerdem das eigentliche Kontrollproblem: Aufsichtsbehörden können relativ leicht feststellen, ob ein Trainingslauf tatsächlich verzögert wurde. Ob die gewonnene Zeit wirklich für Interpretierbarkeits- und Sicherheitsarbeit genutzt wurde, lässt sich von außen kaum überprüfen. Genau diese Lücke zwischen einer verifizierbaren Beschränkung und einer kaum überprüfbaren Gegenleistung macht die Unterscheidung zwischen „Sicherheitsgespräch" und „Marktabsprache" in der Praxis schwer haltbar, nicht nur als rhetorischer Einwand, sondern als konkretes juristisches Problem, siehe Truth on the Market.
Wer es offen ausspricht
Der deutlichste Widerspruch kommt nicht von außerhalb der Branche, sondern aus ihrer eigenen politischen Nachbarschaft. David Sacks, in der Trump-Administration für KI- und Krypto-Politik zuständig, wird von mehreren Quellen mit derselben Formulierung zitiert: „Stop pretending you need to suspend antitrust law in order to create a cartel." An anderer Stelle stellt er die Unabhängigkeit der vorgesehenen Prüforganisation infrage: „Stop pretending METR is independent when it is intertwined with Anthropic's investors and staff", laut CDM und Tech Policy Press. Sein weiteres Argument, Sicherheitsstandards, die von den Marktführern selbst formuliert werden, belasten kleinere Start-ups strukturell stärker als etablierte Anbieter, deckt sich mit der Beobachtung aus meinem zweiten Beitrag: Wer bereits über die größten Datenbestände und Rechenkapazitäten verfügt, verliert durch zusätzliche Auflagen am wenigsten. The Register fasst die Kritik in der Schlagzeile selbst zusammen und rahmt den gesamten Vorschlag als das, wofür der Fachbegriff eigentlich steht, wenn eine Branche ihre eigene Aufsicht mitgestaltet: „regulatory capture", siehe The Register.
Die Landkarte, auf der Europa fehlt
Der Essay benennt seine Reichweite klar: „The most effective method of pacing is via regulation that targets all US frontier AI companies." Gegen China sollen bestehende Chip-Exportkontrollen und ein schärferes Vorgehen gegen Modell-Destillation helfen, mit dem erklärten Ziel, Amerikas Vorsprung im Zeitfenster „3–5 years, the window when AI becomes geopolitically most important" auszubauen. Europa kommt im gesamten Text kein einziges Mal substanziell vor, weder als Akteur noch als Adressat. Bemerkenswert ist das vor allem im Vergleich zur bestehenden Rechtslage: Der europäische AI Act reguliert General-Purpose-Modelle mit systemischem Risiko bereits seit August 2025 verbindlich, in Teilen genau in die Richtung, die Amodei erst als freiwillige Selbstverpflichtung vorschlägt, wie unter anderem TheNextWeb festhält. Ein Kontinent, der beim eigentlichen Thema regulatorisch bereits vorangegangen ist, taucht in einem Plan, der genau dieses Thema neu ordnen will, nicht einmal als Randnotiz auf.
Kein Vorwurf, ein Strukturbefund
Ich unterstelle Amodei damit keine Absicht. Man muss keine unterstellen, um die Struktur zu beschreiben. Ein Tempolimit, das die Marktführer selbst entwerfen, dessen Prüfer sie selbst auswählen und für dessen Aushandlung sie vom Kartellrecht befreit werden, ist kein Sicherheitskonzept. Es ist eine Marktordnung. Das passt zum Befund aus meinem ersten Beitrag dieser Serie: Regulierungsposition folgt bei diesen Akteuren eher der eigenen Marktmacht als einem festen Prinzip, hier nur nicht über ein Jahrzehnt verteilt, sondern in einem einzigen Dokument gebündelt. Auch die Zustimmung von Demis Hassabis, die ich im dritten Beitrag eingeordnet hatte, ändert daran wenig: Sein Verweis auf DeepMinds eigenen, bereits vorher veröffentlichten Vorschlag für eine branchenweite Standard-Institution zeigt vor allem, dass auch die Alternative zu Amodeis Modell von einem einzelnen Labor mitgestaltet würde. Der Tisch wechselt, nicht das Prinzip, wer daran sitzt.
Ausblick
Offen bleibt vor allem, wer künftig überhaupt am Tisch sitzt, an dem diese Marktordnung verhandelt wird. Verhandelt in Washington, über eine Infrastruktur, von der auch Europa abhängt, kommt der Kontinent in Amodeis Essay nicht vor, obwohl er beim zugrunde liegenden Thema regulatorisch bereits weiter ist als der Vorschlag selbst. Genau diese Frage stand auch unter einem LinkedIn-Beitrag von Dominik Mimra zu diesem Essay, unter dem kommentiert wurde: Welche Rolle kann und sollte Europa hier künftig spielen, wenn die eigentliche Marktordnung längst andernorts verhandelt wird? Eine Antwort darauf liefert dieser Beitrag bewusst nicht, sie bleibt der eigentliche nächste Schritt.