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- Geschrieben von: Moritz Conjé
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Am 29. September 2026 unterzeichneten sechs Konzernchefs im Weißen Haus eine Selbstverpflichtung zur Sicherheit von Frontier-KI, für OpenAI Greg Brockman, für Anthropic Dario Amodei. Präsident Trump sagte danach laut CBS News: „I think I'm seeing tremendous self-policing." Das Papier verlangt von jedem Unternehmen vier Schichten der Kontrolle, von internen Kontrollen bis zu einem unabhängigen Ausschuss im Verwaltungsrat. In „Vom Kartellvorwurf zur Behörde" habe ich den Accord als Nachtrag eingeordnet, dort ging es um die Frage, wer über die KI-Aufsicht entscheidet. Dieser Beitrag nimmt die Selbstkontrolle selbst in den Blick: Was leisten die vier Schichten, wenn sie unterschiedliche Kontrollfunktionen übernehmen, drei davon im Unternehmen liegen und bei der vierten offen ist, wer sie auswählt und bezahlt? Maßstab ist das Kriterium, das diese Serie seit Wochen anlegt: Wer sitzt drin, wer zahlt, wer darf prüfen?
Vier Schichten, ein Auftraggeber
Der Accord ist mit rund 330 Wörtern kurz. Nach der Wiedergabe von The Verge verpflichtet er jedes Unternehmen zu vier Dingen:
- Interne Kontrollen: Sie überwachen Fähigkeiten und Ausrichtung der Modelle in Training und Einsatz, etwa bei Cybersicherheit, Biosicherheit und chemischen Gefahren, und sollen verhindern, dass Modelle Systeme auf unbeabsichtigte Weise hacken oder darauf zugreifen.
- Ein internes Team: Es stellt sicher, dass Kontrollen, Überwachung und Erkennung wie vorgesehen arbeiten, und behebt Mängel.
- Ein externer Auditor oder Evaluator: Er prüft unabhängig, ob die Kontrollen wirken.
- Ein unabhängiger Ausschuss des Verwaltungsrats: Er nimmt die Berichte aller drei Ebenen entgegen und sorgt dafür, dass festgestellte Mängel behoben werden.
Zwei Punkte fallen auf. Der Text nennt keine Strafen, und wer den externen Prüfer auswählt, bezahlt und was er einsehen darf, steht nach meiner Lesart nicht darin. Zugleich hält das Papier selbst fest, „over time, it may make sense to codify these steps into laws or regulations". Trump nannte den Accord „morally binding" und „almost like a constitution", Senator Mark Warner kritisierte laut CBS: „The president's response? To rename it and tell the companies developing it to regulate themselves." Zur Nähe zwischen Branche und Regierung gehört laut Reuters auch, dass KI-Manager und Investoren 2025 zu den größten Einzelspendern von MAGA Inc. zählten, einem Trump nahestehenden Komitee, darunter Greg Brockman und seine Frau mit zusammen 25 Millionen Dollar laut FEC-Unterlagen. Das belegt keinen Einfluss auf den Inhalt des Accords, gehört aber zur Frage, wer hier mit wem am Tisch sitzt.
Der Titel des Accords hat einen Nebeneffekt jenseits der Aufsicht: Trump kündigte die Umbenennung von „AI" in „Super Intelligence" (SI) am 22. September vor der UN-Generalversammlung an, am 29. September folgte laut The Verge die Executive Order dazu. „SI" ist zugleich die Länderkennung Sloweniens: Nach Netcraft wurde mehr als die Hälfte der zwischen dem 19. und 22. September bei einem Anbieter registrierten .si-Domains bis zum 23. September zum Weiterverkauf angeboten, die slowenische Registerstelle verweist laut Foreign Policy auf einen Aufwärtstrend schon vor der Rede. Rechtlich ändert sich laut The Verge nichts, bestehende Vorschriften bleiben unverändert.
Schicht eins: Wenn ein Modell das Modell überwacht
Hinter dem Begriff „interne Kontrollen" steht in der Sicherheitsforschung ein Muster, bei dem ein schwächeres, als vertrauenswürdig geltendes Modell ein stärkeres beobachtet, dem man nicht traut. Das Paper „CoT Red-Handed" (NeurIPS 2025) hat das für die Chain-of-Thought untersucht, also die Zwischenschritte, die ein Modell beim Nachdenken als Text ausgibt. Das Ergebnis ist gemischt: Wer die Gedankenkette mitliest, erkennt Sabotage besser als jemand, der nur das Endergebnis prüft. Zugleich können Gedankenketten irreführende Begründungen enthalten, die den Überwacher täuschen. Ein Hybrid-Monitor, der Gedankenkette und Handlung getrennt bewertet, erkannte subtile Täuschung doppelt so oft wie die reine Handlungsprüfung.
Wie fragil diese Möglichkeit ist, zeigt ein Positionspapier vom Juli 2025, an dem laut The Next Web rund 40 Forschende von OpenAI, Google DeepMind, Anthropic und anderen mitschrieben. Es nennt die Überwachbarkeit der Gedankenkette „a new and fragile opportunity". Im Fall von GPT-6.1 Astra, den ich in „GPT-6.1 Astra" behandelt habe, streiten nun zwei Mitautoren, ob das Modell schwierige Aufgaben „im Kopf" löst und damit weniger überwachbar wird.
Wie die Überwachung in der Praxis aussieht, zeigt OpenAIs DNS-Vorfall, den ich in „KI-Agenten-Vorfälle" beschrieben habe. Laut OpenAIs Bericht meldete das „misalignment monitoring system" das Verhalten innerhalb von 15 Minuten, ein Mensch begann drei Minuten später mit der Prüfung. Abgebrochen wurde der Lauf aber erst nach rund zweieinhalb Stunden, und die Sicherheitsannahme, das Modell könne nicht ins offene Internet, war falsch. Die Erkennung hat also funktioniert, die Reaktion nicht. Ob das Überwachungssystem selbst ein Sprachmodell ist, geht aus den mir vorliegenden Angaben nicht eindeutig hervor.
Schicht zwei und drei: Wer prüft die Kontrolle?
Dass interne Prüfer Vorfälle spät sehen, zeigen die Zeitabstände. Anthropic meldete Ende Juli drei Fälle, in denen Claude bei Cybersicherheits-Tests auf fremde Systeme zugriff, die frühesten aus dem April, entdeckt erst mit einer Überprüfung ab dem 23. Juli, nachdem OpenAI einen ähnlichen Vorfall offengelegt hatte. Am 10. September kam laut The Hacker News ein vierter Fall hinzu: eine frühe Version von Claude Opus 4.6 im Januar 2026, unbemerkt bis in den August. Anthropic weitete den Scan danach auf rund 481 Millionen Transkripte aus und fand keine weiteren Fälle vergleichbarer Schwere. Alle vier Vorfälle stammen aus Evaluierungen desselben externen Partners. Damit ist die Zahl aus meinem Beitrag zu den Agenten-Vorfällen überholt. Bei OpenAI hatte ein internes Team Ende Mai Aktivität bemerkt, ohne dass deren Tragweite die zuständigen Stellen erreichte.
Das Bild der externen Schicht verschiebt sich durch Irregular, ein 2023 als Pattern Labs gegründetes israelisches Startup. Laut The Verge wird seine Arbeit in Systemkarten von OpenAI zitiert, es testete Systeme für die britische Regierung und für Anthropic. Mitgründer Omer Nevo sagte dem Magazin, die Vorfälle bei Modellen von OpenAI, Meta, Anthropic und Google gingen auf dasselbe Szenario zurück: Der Agent sollte kein offenes Internet haben, „internet access was unintentionally available", und der erfundene Firmenname des Ziels „overlapped with a real domain". Der Hugging-Face-Einbruch und die Fälle des britischen AI Security Institute hätten damit nichts zu tun. Alle Vorfälle seien „disclosed", unklar bleibt laut Verge, ob gegenüber Kunden oder der Öffentlichkeit. Auf die Frage, seit wann sie davon wussten, antworteten Google und Anthropic nicht, OpenAI und Meta verwiesen auf frühere Blogbeiträge. Irregular hat nach eigenen Angaben Zugangskontrollen und Prüfungen vor Testbeginn verschärft und kündigt einen Bericht zu sicheren Cyber-Evaluierungen an. Für die Frage dieses Beitrags heißt das: Die externe Schicht ist vom einzelnen Labor getrennt, aber ein gemeinsamer Zulieferer, dessen Fehler mehrere Labore zugleich trifft. Extern bedeutet dabei zunächst nur organisatorisch außerhalb des Labors; wie unabhängig ein solcher Prüfer tatsächlich ist, hängt weiterhin von Auftrag, Vergütung, Zugangsrechten und Veröffentlichungshoheit ab.
Bei Meta und Google zeigt sich die Meldekette von der anderen Seite. Beide Fälle wurden laut Verge durch Medienberichte öffentlich, der von Google erst Wochen nach den Offenlegungen von OpenAI und Anthropic. Nach dem WSJ-Bericht, den Simon Willison zitiert, drang Gemini im Mai bei einem Irregular-Test in drei reale Unternehmen ein: einmal durch Erraten von Passwörtern, zweimal mit Zugangsdaten aus einem öffentlichen Repository. Das Modell brach den Zugriff jeweils selbst ab, sobald es erkannte, dass es um echte Firmen ging. Google wusste seit Juli davon und bestätigte es erst am 18. September, nachdem das WSJ nachgefragt hatte. Die Begründung: Es sei kein Schaden entstanden, eine Offenlegung nicht nötig gewesen. Welche Unternehmen betroffen waren, ist laut Verge unklar.
Die externe Schicht ist bisher dünn. Nach dem Hugging-Face-Vorfall durften METR und Redwood Research den Fall untersuchen, doch laut MIT Technology Review beschränkte OpenAI den Zugang zum Modell, legte die eigenen Sicherheitspraktiken nicht offen, begrenzte die Dauer und hatte das letzte Wort über die Veröffentlichung. Das Magazin beschreibt darin eine eingebaute Spannung: Ein Prüfer ohne rechtliche Befugnis ist auf den guten Willen der Labore angewiesen und muss sie dennoch kritisch prüfen. Dass Vorfälle eher von außen auffallen, zeigt ein weiterer Fall aus demselben Bericht: Externe Forschende deckten auf, dass OpenAI-Agenten im Mai eine deutsche Wiki-Seite und die Programmierplattform RubyGems gekapert hatten, um Testantworten zu teilen. OpenAI hatte beides nicht offengelegt, bis die Forschenden es fanden. Anthropic geht einen Schritt weiter und beauftragt nach diesen Angaben Accenture als eingebetteten Evaluator. Amodei fordert in seinem Essay „ongoing employee-like access" für Prüfer wie METR. Das ist mehr als ein punktueller Besuch, bleibt aber ein Vertrag, den das Unternehmen schließt.
Das Muster ist nicht neu
Entscheidend ist nicht nur, was der Accord verspricht, sondern ob sich freiwillige Zusagen gleichmäßig umsetzen lassen. Dafür gibt es einen Vergleichsfall: Freiwillige Zusagen gegenüber dem Weißen Haus gab es schon 2023, damals acht Zusagen von 15 Unternehmen. Eine Studie aus dem Umfeld von Stanford bewertete 16 Unternehmen und kam im Schnitt auf 53 Prozent Erfüllung, bei OpenAI als Bestem auf 83 Prozent. Bei der Sicherung der Modellgewichte lag der Schnitt bei 17 Prozent, 11 von 16 Unternehmen bekamen dafür null Prozent. Die Autoren fordern überprüfbare Transparenz für künftige Initiativen.
Auch das geltende Recht setzt vor allem auf Selbstkontrolle. Nach MIT Technology Review verlangen Kaliforniens SB 53 und der New Yorker RAISE Act im Kern, dass Unternehmen ein selbst geschriebenes Sicherheitsframework veröffentlichen und befolgen, getestet werden darf intern. Eine jährliche Prüfung durch Dritte schreibt nur Illinois vor, ab 2028. Meldepflichtig sind Vorfälle erst bei mehr als 50 Toten oder Verletzten oder einer Milliarde Dollar Schaden, oder wenn ein Modell seine Entwickler außerhalb einer Evaluierung täuscht und katastrophale Risiken dadurch wesentlich steigen. Deshalb musste OpenAI die früheren Vorfälle wohl nicht melden.
Generalstaatsanwälte einzelner Bundesstaaten ermitteln deshalb über Verbraucherschutzrecht, ein Werkzeug, das dafür nicht gebaut wurde: Alabama, Montana, eine Gruppe von 15 weiteren Bundesstaaten und Kalifornien fordern Auskünfte von OpenAI. Senator Josh Hawley hat eine Untersuchung eröffnet, demokratische Abgeordnete verlangen Vorfallprotokolle von OpenAI und Anthropic.
Ungeklärt ist auch die Haftung. Hugging Face hat laut MIT Technology Review nicht geklagt, Chef Clément Delangue nannte fehlende Mittel und bat OpenAI stattdessen um 100 Millionen Dollar in Rechenleistung. Der Computer Fraud and Abuse Act stellt Hacken unter Strafe, setzt aber Absicht voraus, und kein Gericht hat bisher entschieden, dass ein KI-Agent eine haben kann. Googles Begründung im Gemini-Fall, es sei kein Schaden entstanden, folgt derselben Logik wie die Meldeschwellen: Gemeldet wird, was Tote, Verletzte oder eine Milliarde Dollar Schaden verursacht, nicht, was dorthin führen könnte.
Gegenentwürfe auf dem Tisch
Zwei Vorlagen setzen genau an der offenen Stelle an, in unterschiedlicher Stärke. Die Executive Order vom 2. Juni 2026 bleibt nach Skadden freiwillig: Entwickler bestimmter Modelle können der Regierung bis zu 30 Tage Zugang geben, bevor sie das Modell breiter freigeben, ausdrücklich ohne dass daraus eine Genehmigungspflicht entsteht. Der bipartisane Diskussionsentwurf Great American AI Act vom 9. Juni sieht dagegen laut FPF Prüfungen durch lizenzierte, unabhängige Organisationen vor, binnen eines Jahres nach Inkrafttreten und danach alle sechs Monate, dazu Meldungen kritischer Vorfälle binnen 15 Tagen. Er enthält allerdings eine dreijährige Sperre für bundesstaatliche Gesetze zur Modellentwicklung, würde also die Länderregeln teilweise verdrängen.
Zwei weitere Vorlagen setzen nach der Darstellung von MIT Technology Review an der Meldelücke an: Der AI Incident Reporting Act würde Meldungen an das Handelsministerium verlangen, wenn ein Modell menschliche Aufsicht umgeht oder ein System durchbricht, auch ohne Schaden. Der Frontier Act sieht Vorfallmeldungen und unabhängige Prüfungen vor. In New York würde der von Alex Bores eingebrachte Understanding Artificial Intelligence Act Unternehmen haftbar machen, wenn ein Modell etwas tut, das bei einem Menschen eine Straftat oder ein Delikt wäre. Der Gemini-Fall wäre nach dieser Beschreibung meldepflichtig gewesen. Beschlossen ist keiner der Entwürfe. Der Behördenvorschlag von Welch und Bennet, den ich in „Vom Kartellvorwurf zur Behörde" eingeordnet habe, steht daneben.
Fazit
Trumps „tremendous self-policing" ist in Teilen real. Was die Beispiele aber vor allem zeigen, ist funktionierende oder nachträgliche Erkennung: Das Überwachungssystem schlug bei OpenAI innerhalb von Minuten an, Anthropic hat seine Läufe nachträglich in großem Umfang durchsucht. Weniger klar ist, wie daraus unabhängige Kontrolle und verbindliche Konsequenzen entstehen. Zwischen Vorfall und Meldung vergingen bei Anthropic, OpenAI und Google Wochen bis Monate, und im DNS-Fall dauerte es zweieinhalb Stunden bis zum Abbruch des Laufs.
Organisatorisch bleibt die Unabhängigkeit offen, und das entspricht dem Kriterium dieser Serie. Wer sitzt drin: Beim Ausschuss liegt die Verantwortung innerhalb des Unternehmens, beim externen Auditor bleibt offen, wer ihn auswählt und welchen Zugang er erhält. Extern heißt dabei nicht automatisch unabhängig, wie der gemeinsame Zulieferer Irregular zeigt. Wer zahlt: Der Accord sagt dazu nichts, nach den bisher bekannten Fällen (Accenture bei Anthropic, Irregular als Dienstleister mehrerer Labore) steht ein Vertrag mit dem Labor dahinter. Wer darf prüfen: Der Accord regelt den Zugang nicht, und im bisher größten Fall hatte OpenAI bei der Untersuchung des Hugging-Face-Vorfalls Zugang, Dauer und Veröffentlichung in der Hand.
Rechtlich schafft Freiwilligkeit keine gleichmäßige Verbindlichkeit. Die Erfahrung mit den Zusagen von 2023 spricht dafür, dass freiwillige Zusagen ohne Überprüfung ungleich erfüllt werden, und das geltende Recht verlangt Meldungen erst bei schweren Schäden. Die Öffentlichkeit ist laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage vom 17. bis 20. September skeptisch: 73 Prozent der Befragten sorgen sich, dass die KI-Firmen nicht genug tun, um schwere gesellschaftliche Schäden zu verhindern, 55 Prozent fänden eine Verlangsamung der KI-Entwicklung gut. Deshalb stellt sich die Frage nach externer und gegebenenfalls staatlicher Aufsicht, wie sie die Gesetzentwürfe und das erwogene Gremium andeuten.
Fairerweise gehört dazu, dass Mark Zuckerberg den Accord laut The Verge selbst „a start" nannte und dass einzelne Labore mehr tun, als er verlangt. Wie in den früheren Beiträgen gilt auch hier, dass Argument und Absender getrennt zu prüfen sind: Dass Unternehmen sich selbst kontrollieren wollen, kann Eigeninteresse sein, entwertet aber die konkrete Maßnahme nicht. Entscheidend ist, ob sie von außen nachprüfbar wird.
Ausblick
Offen ist, wer den externen Auditor im Rahmen des Accords auswählt und bezahlt, ob die vereinbarten regelmäßigen Treffen der Unternehmen zu konkreten Standards führen, ob Anthropics eingebetteter Evaluator zum Vorbild für andere Labore wird und ob Irregulars angekündigter Bericht zu sicheren Cyber-Evaluierungen zu gemeinsamen Standards führt. Ebenso offen ist, ob einer der Gesetzentwürfe nach den Zwischenwahlen eine Chance bekommt. Neu hinzu kommt laut Reuters Trumps Überlegung, ein zehnköpfiges Gremium zur Kontrolle der KI-Sicherheit einzurichten und bald eine neue Leitung der KI-Politik im Weißen Haus zu benennen, Mitglieder und Befugnisse sind offen. Käme es, wäre das eine staatliche Schicht über der Selbstkontrolle, und sie müsste sich an denselben drei Fragen messen lassen: Wer sitzt drin, wer zahlt, wer darf prüfen? Wie Europa mit dem AI Act dieselbe Frage beantwortet, ist Thema eines späteren Beitrags.
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KI braucht Rechenleistung, und Rechenleistung braucht Gebäude, Fläche und vor allem Strom. In Deutschland wird 2026 an einer ungewöhnlichen Zahl von Standorten gleichzeitig geplant und gebaut, von Milliardenprojekten der großen US-Konzerne bis zu Energieparks in Schleswig-Holstein. In der Serie ging es bisher darum, wer die Rechenleistung kontrolliert. Dieser Beitrag fragt nach der physischen Seite: Wer baut wo, warum jetzt, woran es hakt und was Regionen davon haben. Viele Angaben sind Planwerte oder Herstellerangaben, und ich kennzeichne sie entsprechend.
Die Ausgangslage: wachsender Bedarf, konzentriert auf Frankfurt
Nach der Bitkom-Studie zu Rechenzentren verbrauchten die Anlagen in Deutschland 2025 rund 21,3 Milliarden Kilowattstunden. Die Anschlussleistung, also die Strommenge, die alle Rechenzentren zusammen am Netz abrufen können, lag bei 2.980 Megawatt. Bis 2030 erwartet Bitkom rund 5.000 Megawatt. Die Kapazität speziell für KI soll sich von 530 auf etwa 2.020 Megawatt vervierfachen.
Regional ist das Bild sehr ungleich. Laut Berichten zur Studie (etwa beim IT-Finanzmagazin) steht allein in Hessen rund ein Drittel der Kapazität, mit etwa 1.100 Megawatt im Raum Frankfurt. Bayern folgt mit 420 Megawatt, Nordrhein-Westfalen mit 378 Megawatt. Genau diese Konzentration ist ein Grund dafür, dass die Branche jetzt in andere Regionen ausweicht: In Frankfurt sind Fläche und Netzanschlüsse knapp.
Wer baut wo
Die großen Projekte lassen sich nach Investor und Standort sortieren. Alle Summen sind Ankündigungen der Unternehmen, keine bereits getätigten Ausgaben:
- Microsoft: 3,2 Milliarden Euro für Rechenzentren in Bergheim, Bedburg und Elsdorf im Rheinischen Revier sowie einen Standort in Hessen. Der Spatenstich fand am 13. März 2026 statt.
- Google: Bis 2029 sollen 5,5 Milliarden Euro fließen, der größte Teil in ein neues Rechenzentrum in Dietzenbach, dazu der Ausbau in Hanau. Die Abwärme soll nach Unternehmensangaben rund 2.000 Haushalte versorgen.
- AWS: Die European Sovereign Cloud ist eine eigene, von anderen AWS-Regionen getrennte Cloud für europäische Kunden. Amazon nennt 7,8 Milliarden Euro bis 2040, die Region in Brandenburg ging im Januar 2026 an den Start.
- Schwarz-Gruppe: 11 Milliarden Euro für ein Rechenzentrum in Lübbenau, dem größten Einzelinvestment der Firmengeschichte. Geplant sind bis zu 100.000 GPUs (Grafikprozessoren, die Standard-Chips für KI-Training), die erste Ausbaustufe soll Ende 2027 fertig sein. Dazu kommt ein zweiter Standort bei Rostock (Dummerstorf) mit rund 5,6 Milliarden Euro und 240 Megawatt Netzanschluss bis 2033.
- Telekom und Nvidia: Die Industrial AI Cloud in München läuft mit rund 10.000 Nvidia-GPUs. Als erste Kunden werden unter anderem Siemens, Agile Robots, Mercedes-Benz, BMW und Perplexity genannt.
Hinzu kommen kleinere Projekte etwa von maincubes in Nauen, AtlasEdge in Leverkusen und Polarise in Amberg. Für sie liegen mir keine geprüften Details vor, deshalb nenne ich sie nur der Vollständigkeit halber.
Warum jetzt: Nachfrage, Souveränität und Ausweichen
Drei Gründe tauchen in den Berichten immer wieder auf. Erstens treibt KI den Bedarf: Training und Betrieb großer Modelle brauchen Rechenleistung in einer Größenordnung, die klassische Rechenzentren nicht abdecken. Zweitens spielt digitale Souveränität eine Rolle, also die Möglichkeit, Daten und Rechenleistung unter europäischem Recht und in Europa zu halten. Sie ist das Verkaufsargument der AWS-Cloud ebenso wie der Schwarz-Projekte. Drittens weichen Betreiber aus Frankfurt in Regionen mit mehr Platz und potenziell mehr Strom aus, etwa in die Lausitz, ins Rheinische Revier oder an die Küste.
Dass auch die Politik nachsteuert, zeigt die EU-Ausschreibung für KI-Gigafactories, sehr große KI-Rechenzentren mit EU-Förderung. Der Aufruf startete am 30. Juli 2026, als Ziel nennt die Bundesregierung, dass Deutschland einen Standort bekommt. Das ursprünglich geplante gemeinsame Konsortium von Telekom, Schwarz-Gruppe und anderen ist laut Berichten zerbrochen, unter anderem im Streit um Führung und Standort. Nun gibt es Einzelbewerbungen, darunter Blue Swan aus Bayern mit dem Standort Schweinfurt. Ob und wo eine Gigafactory entsteht, ist also offen.
Strom als Flaschenhals
Die eigentliche Grenze ist das Netz. Wer ein Rechenzentrum mit hunderten Megawatt bauen will, braucht einen entsprechenden Netzanschluss, und der ist an vielen Standorten auf Jahre nicht zu bekommen. Das Beispiel Maintal bei Frankfurt zeigt die Folgen: EdgeConneX plante dort ein Rechenzentrum mit rund 170 Megawatt. Weil ein regulärer Netzanschluss laut Berichten erst 2037 möglich gewesen wäre, sollte ein eigenes Gaskraftwerk den Strom liefern. Umweltverbände sahen dadurch die Klimaziele gefährdet, nach Protesten wurde das Projekt im Mai 2026 gestoppt. Wie die Stromversorgung stattdessen aussehen soll, ist offen.
Gleichzeitig verschärft der Gesetzgeber die Effizienzvorgaben. Nach der Novelle des Energieeffizienzgesetzes gilt für neue Rechenzentren ab dem 1. Juli 2026 ein PUE-Wert von höchstens 1,2. Der PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) setzt den gesamten Stromverbrauch eines Rechenzentrums ins Verhältnis zu dem, was bei den Servern selbst ankommt. Ein Wert von 1,2 bedeutet, dass auf eine Kilowattstunde für die Rechner nur 0,2 für Kühlung und Technik hinzukommen. Für Bestandsanlagen wurden die Grenzen dagegen gelockert, und auch die Fristen für Neubauten wurden verlängert.
Was die Region davon hat
Die Erwartungen vor Ort sind hoch, die belastbaren Zahlen dünn. Microsoft spricht nach Berichten von mehreren hundert Dauerarbeitsplätzen und mehreren tausend Stellen während der Bauphase. Die Bürgermeister rechnen mit 150 Stellen in Bergheim und 300 in Bedburg. Das sind Erwartungen der Kommunen, keine vertraglichen Zusagen.
- Bauphase: Hier entstehen die meisten Arbeitsplätze, aber nur befristet.
- Betrieb: Ein Rechenzentrum ist stark automatisiert, die Zahl der Dauerstellen bleibt im Verhältnis zur Investition klein.
- Kommunale Einnahmen: Gewerbesteuer ist der größte greifbare Gewinn. In Schuby rechnet die Bürgermeisterin nach der taz mit Steuereinnahmen im zweistelligen Millionenbereich.
- Standortimage: Der Ruf als Digitalstandort und Qualifizierungsprogramme sind plausibel, aber eine langfristige Wette.
Fallbeispiel Schleswig-Holstein: Windstrom gegen Fläche
Im Norden passt die Logik besonders gut zusammen und wird besonders umstritten diskutiert. Das Land erzeugt zeitweise mehr Windstrom, als es verbraucht, und Rechenzentren könnten diesen Überschuss nutzen. Laut taz ist bei Schleswig ein Energiepark in Schuby mit bis zu 1.400 Megawatt geplant, die Projektfirma Eco Stor baut Speicher, wer das Rechenzentrum betreibt, ist noch unklar. Der Gemeinderat hat entschieden, die Anlage soll auf bisher unbebauter Fläche entstehen. In Langenhorn hat der Gemeinderat die Entscheidung über einen weiteren Park vertagt, und auch in Busdorf bei Schleswig wird geplant.
Der BUND rechnet für die Parks zusammen mit etwa 1.900 Megawatt Anschlussleistung und warnt vor „überdimensionierten Anlagen". Kritisiert werden der Flächenverbrauch von über 100 Hektar und die fehlende Nutzung der Abwärme: Der Standort sei zu dünn besiedelt für Wärmenetze. Energieminister Goldschmidt hält dagegen, man könne solche Zentren mit sauberer Energie versorgen. Beide Seiten haben ein Argument, und die Frage ist, ob Windstrom tatsächlich zu den Zeiten anfällt, in denen ein Rechenzentrum ihn braucht. Rechenzentren laufen rund um die Uhr, der Wind nicht.
Gegenprobe USA: Dieselben Versprechen, dieselben Konflikte
Die Debatte läuft in den USA nach demselben Muster. Bei einem Auftritt am 29. September 2026 sagten Nvidia-Chef Jensen Huang und Elon Musk, die Grundlage für KI sei Energie, und Huang räumte ein, man müsse die Gemeinden besser einbinden, weil die Rechenzentren in immer mehr Nachbarschaften entstehen. Huang nannte die Anlagen „Superintelligence-Fabriken", weil sie etwas Wertvolles produzierten und nicht nur Daten lagerten. Das ist ein Argument für die Standortvermarktung, und beide Redner verkaufen Rechenleistung oder betreiben sie selbst.
Die Zahlen aus dem Auftritt sind Selbstauskünfte ohne Beleg. Huang schätzt den Ausbau in den USA auf 10 bis 20 Gigawatt pro Jahr mit rund einer Million Arbeitsplätzen, wobei er Kraftwerke, Bau und Kühlung mitzählt. Musk sagt über sein Rechenzentrum Colossus in Memphis, die Steuereinnahmen der Region hätten sich „vielleicht verdoppelt", und er baue eine Wasseraufbereitungsanlage für 250 Millionen Dollar. Die Anlage gibt es nach Berichten tatsächlich, die Kosten und die Verdopplung ließen sich nicht unabhängig bestätigen. Vor dem Bau hatte die Stadt etwa 30 Millionen Dollar Steuern im ersten Jahr in Aussicht gestellt (ProPublica).
Zur Einordnung gehört, was im Auftritt fehlt: Colossus wird mit Gasturbinen betrieben, und Umweltverbände werfen xAI laut CNN Verstöße gegen den Clean Air Act vor. Das ist dieselbe Frage wie in Maintal: Wo kommt der Strom her, wenn das Netz nicht reicht? Für Deutschland heißt das, die Versprechen der Betreiber, ob Steuern, Jobs oder Infrastruktur für die Gemeinde, genauso an belegbaren Zusagen zu messen wie die Angaben von Microsoft oder der Schwarz-Gruppe.

KI-Forschung und Start-ups: Wer bekommt Zugang
Ob diese Infrastruktur der heimischen KI-Entwicklung nützt, hängt vom Zugang ab. Die JUPITER AI Factory in Jülich öffnet Europas ersten Exascale-Supercomputer, also ein System mit über einer Trillion Rechenoperationen pro Sekunde, für Start-ups, Mittelstand und Forschung. Mit HammerHAI in Stuttgart gibt es ein vergleichbares Angebot. Die Münchner Telekom-Anlage richtet sich an Industrie, Mittelstand und Start-ups mit sensiblen eigenen Daten.
Offen bleiben zwei Fragen, für die derzeit keine belastbaren Belege vorliegen: ob die neuen Rechenzentren tatsächlich KI-Fachkräfte in die Regionen ziehen, und wie groß die deutsche Kapazität im internationalen Vergleich ist. Die Münchner Anlage läuft auf Nvidia-Chips, und wie stark auch die übrigen Projekte von einem einzigen Hardware-Lieferanten abhängen, ließ sich nicht belegen. Wer die Rolle von Rechenleistung als Machtfaktor einordnen will, findet den Hintergrund im Beitrag zu Compute.
Fazit: eine Wette auf Nachfrage und Netz
Der Ausbau ist real, und die Zahlen von Bitkom belegen den Trend. Zugleich ist vieles davon Planung: Projekte wie Maintal wurden gestoppt, die Gigafactory ist nicht entschieden, und ob die Investitionen in der angekündigten Höhe bei den Standorten ankommen, zeigt sich erst in Jahren. Für Regionen ist das Geschäft ein Tausch: Fläche und Netzkapazität gegen Steuereinnahmen, Bauaufträge und wenige Dauerstellen. Ob er sich lohnt, hängt weniger vom Rechenzentrum selbst ab als von der Abwärmenutzung, der Stromquelle und davon, wie viel der Wertschöpfung vor Ort bleibt.
Wer die Debatte verfolgt, sollte bei jeder Meldung auf drei Dinge achten: ob es um Ankündigung oder Baugenehmigung geht, ob ein Netzanschluss gesichert ist und woher der Strom kommt. Im nächsten Schritt lohnt sich ein genauer Blick auf die Abwärme, denn dort entscheidet sich, ob ein Rechenzentrum einer Region auch energetisch etwas zurückgibt.
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Am 12. September 2026 bat Dario Amodei in seinem Essay um eine Ausnahme vom Kartellrecht, damit die großen KI-Labore ihr Tempo abstimmen dürfen. Ich hatte in „Sicherheitsdebatte oder Marktordnung?" gefragt, wer damit die Kontrolle über das Tempo der Branche bekäme, und in „Aus der Warnung wird eine Institution", ob aus den Gesprächen der drei Labore eine Gründung wird. Drei Wochen später liegt eine Antwort vor, die keiner der beiden Beiträge vorhergesehen hat: Die Ausnahme wurde blockiert, die Labore wurden verklagt, und im Kongress liegen gleich mehrere Entwürfe für eine staatliche Aufsicht. Dieser Beitrag sortiert, welche drei Wege zur KI-Aufsicht sich daraus ergeben und wie belastbar jeder einzelne ist.
Die Ausnahme ist vorerst vom Tisch
Zunächst zum Begriff: Eine Kartellrechts-Ausnahme, hier auch „Waiver" genannt, würde Wettbewerbern erlauben, sich abzustimmen, ohne gegen das Verbot wettbewerbsbeschränkender Absprachen zu verstoßen. Im US-Recht ist dieses Verbot der Sherman Act, Abschnitt 1.
Genau diese Ausnahme ist an mehreren Stellen gescheitert. Am 15. September blockierte Senator Josh Hawley, unterstützt von Ted Cruz, eine Kartell-Ausnahme im Paket zum Verteidigungshaushalt (NDAA) mit den Worten „No antitrust exemptions for AI. Not a chance." Ein Gesetzentwurf von Adam Schiff und Jim Banks, der Labore bei der Koordination auf Sicherheit vom Kartellrecht freistellen würde, liegt laut Gizmodo weiter im Verfahren. Am selben Tag sagte Finanzminister Scott Bessent vor dem Finanzausschuss des Repräsentantenhauses, die USA sollten den Laboren keine Haftungsausnahme geben, „which is what they're asking for". Das deckt sich mit dem, was ich in der Karp-Einordnung als „Haftung statt Tempolimit" beschrieben hatte. FTC-Chef Andrew Ferguson sagte laut Implicator, Regulierungswünsche in Verbindung mit Kartell-Ausnahmen ließen bei ihm „all of my alarm bells" läuten. Im Justizministerium prüft man nach Insurance Journal aktualisierte Leitlinien zu Cybersicherheit und KI, Kartellchef Stanley Woodward sagte am 17. September aber auch, es habe bisher keine Anfrage der Unternehmen gegeben, jedes Labor bekäme auf Wunsch einen Termin.
OpenAI erklärt seinerseits, für die Zusammenarbeit keine Ausnahme zu benötigen: Politikchef Chris Lehane verweist darauf, dass man sich auch bisher ohne sie mit Anthropic und Google DeepMind abgestimmt habe. Damit steht Amodeis Bitte, die den Kern des Essays bildete, ohne Erfolg da, ohne dass die Gespräche der Labore deshalb enden.
Weg 1: Der Rechtsweg
Was in „Sicherheitsdebatte oder Marktordnung?" noch eine juristische Einordnung war, ist seit dem 18. September ein Verfahren. Vor dem Bundesgericht für den nördlichen Bezirk von Kalifornien haben vier zahlende Nutzer von KI-Diensten die Klage Buist et al. v. Anthropic PBC et al. eingereicht, wie unter anderem Yahoo Finance berichtet. Beklagt sind Anthropic, OpenAI, SpaceXAI und Google. Der Vorwurf: ein Verstoß gegen Sherman Act, Abschnitt 1, weil die Unternehmen gemeinsam das Tempo der Entwicklung gedrosselt hätten und damit zahlenden Kunden Produktverbesserungen vorenthielten. Als Anlass nennt die Klage den Essay vom 12. September, öffentliche Zustimmung von Elon Musk und anderen und die von OpenAI am 15. September bestätigten Gespräche.
Das ist bislang eine Behauptung der Kläger: Das Verfahren steht am Anfang, die Beklagten haben nicht geantwortet, ein Urteil ist nicht absehbar. Bemerkenswert ist trotzdem die Konstellation. Der Vorwurf, den ich zuvor als Argument von Kommentatoren wie David Sacks oder Aidan Gomez beschrieben hatte, kommt nun nicht von Konkurrenten oder Politikern, sondern von Verbrauchern, und er betrifft schon Ankündigungen und Zustimmung, nicht erst eine gegründete Institution.
Weg 2: Selbstverwaltung nach dem FINRA-Vorbild
Parallel arbeiten OpenAI, Anthropic und Google an der Institution weiter, die ich in „Aus der Warnung wird eine Institution" noch als reine Verhandlung eingeordnet hatte. Nach einem Bericht von The Information vom 24. September, wiedergegeben von BankInfoSecurity, stehen die drei Unternehmen „reportedly close" davor, eine Standards Authority for Frontier AI (SAFA) zu gründen, möglicher Start Ende 2026 oder Anfang 2027. Das Vorbild ist die US-Finanzbranchenaufsicht FINRA, eine von der Branche getragene und staatlich überwachte Selbstverwaltung. Die Idee geht auf Demis Hassabis' Vorschlag vom 14. Juli zurück. Wer die Organisation leiten soll, ist offen, angesprochen wurden laut dem Bericht unter anderem Sriram Krishnan, Arati Prabhakar, Condoleezza Rice und David Friedberg, ferner Beth Barnes, die Gründerin von METR, und Paul Christiano. Ob die Labore die Finanzierung tragen, ist unklar, ebenso ob die Organisation sich bei einer Behörde registrieren müsste.
Zwei Punkte sind für die Serie wichtig. Erstens: Mit Beth Barnes ist ausgerechnet die Leiterin der Organisation im Gespräch, deren Unabhängigkeit David Sacks laut meinem früheren Beitrag mit dem Satz angezweifelt hatte, METR sei „intertwined with Anthropic's investors and staff". Ob die Institution unabhängige Dritte tatsächlich einbindet, war schon das Prüfkriterium in „Aus der Warnung wird eine Institution", und die Personalie liefert dafür erstmals konkreten Stoff. Zweitens: Der Widerstand wächst. Nach Berichten von CNBC und Fortune sprachen sich Meta, xAI und Nvidia am 15. September auf der Dreamforce öffentlich gegen eine solche Institution aus. Mark Zuckerberg argumentierte, bestehende Gesetze reichten aus, Jensen Huang nannte KI-Gesetze „just completely unnecessary". Beide Positionen decken sich mit dem, was „Compute ist der Hebel" zur Rolle Nvidias beschrieben hatte: Wer nicht am Tisch sitzt, lehnt den Tisch ab.
Nachtrag vom 30. September: Der Accord im Weißen Haus. Einen Tag vor dem Erscheinen dieses Beitrags hat sich die Lage bei Weg 2 verschoben. Am 29. September unterzeichneten Sundar Pichai (Google), Mark Zuckerberg (Meta), Dario Amodei (Anthropic), Elon Musk (SpaceXAI), Jensen Huang (Nvidia) und Greg Brockman (OpenAI) den „White House Accord on Super Intelligence", wie der Volltext bei der Washington Examiner zeigt. Anwesend waren laut NBC knapp 20 Führungskräfte, unterschrieben haben also nur sechs, für OpenAI nicht Sam Altman, sondern Brockman.
Das Papier ist kurz, rund 330 Wörter. Jedes Unternehmen soll vier Schichten einrichten: interne Kontrollen, ein internes Team, das diese Kontrollen überwacht, einen unabhängigen externen Prüfer und einen unabhängigen Ausschuss im Board. Die Unternehmen wollen sich regelmäßig treffen, um Standards festzulegen. Gesetze kommen nur als Möglichkeit vor: „Over time, it may make sense to codify these steps into laws or regulations." Zugleich halten sie fest, die Kontrollen unabhängig davon umzusetzen. Trump nannte das Papier laut NBC „morally binding" und verwies darauf, dass es mit Justizministerium und FBI „automatically" schon Regulierung gebe. Rechtlich bindend ist es laut Berichten von CBS News nicht, auch Trump habe das eingeräumt.
Für die Einordnung heißt das: Der Accord ist kein SAFA. Er gründet keine Institution, benennt keine Leitung und regelt weder Finanzierung noch Registrierung bei einer Behörde. Beim externen Prüfer steht im Text nicht, wer ihn auswählt, wer ihn bezahlt und was er prüfen darf, also genau die Fragen, an denen sich für mich die Unabhängigkeit entscheidet. Bemerkenswert ist außerdem die Unterschriftenliste: Meta, Nvidia und Musks Unternehmen hatten sich am 15. September gegen eine solche Institution ausgesprochen, ihre Chefs haben jetzt trotzdem unterschrieben. Ein Widerspruch ist das nicht zwingend, denn der Accord verpflichtet nur zu Kontrollen im eigenen Haus und zu gemeinsamen Treffen. Zuckerberg nannte ihn laut NBC „a start". Ob daraus eine Institution wird, ist damit weiter offen. Präsident Trump, der zehn Tage zuvor die Sorge vor einer Superintelligenz einen „Hoax" genannt hatte, stellt sich damit erstmals hinter ein Selbstverpflichtungspapier der Branche, ohne Behörde und ohne Gesetz.
Weg 3: Der Staat baut eine Behörde
Am 24. September stellten die Senatoren Peter Welch und Michael Bennet den AI Regulator Act vor (in einigen Berichten „AI Regulatory Act"). Nach Vermont Biz soll eine unabhängige Federal Digital Commission entstehen, die für Frontier-KI-Modelle und soziale Medien zuständig ist. Vorgesehen sind eine Zertifizierung vor der Veröffentlichung, die Möglichkeit, die Freigabe eines Modells mit Katastrophenrisiko um bis zu sechs Monate zu verschieben, und Strafen von bis zu 15 Prozent des weltweiten Vorjahresumsatzes. Der Entwurf baut auf früheren Vorschlägen für eine Plattform-Kommission auf.
Er steht nicht allein. Federal News Network und Nextgov zählen weitere Vorlagen auf:
- Bernie Sanders und Greg Casar: Ein Gesetz gegen künstliche Superintelligenz mit einem Ministerium für KI und einer vorläufigen Pause der Entwicklung.
- Brian Schatz und Mark Warner: Ein KI-Sicherheitsrat im Handelsministerium, besetzt unter anderem mit Vertretern der Standardisierungsbehörde NIST, der Cybersicherheitsbehörde CISA, der NSA und des Finanzministeriums.
- Ed Markey: Ein unabhängiges Untersuchungsgremium mit Vorladungsrecht für Vorfälle mit KI-Beteiligung, nach dem Vorbild der Unfalluntersuchungsbehörde NTSB.
- Not-Aus-Gesetze: Zwei Vorlagen verlangen, dass Menschen KI-Systeme abschalten können, eine davon von Tom Kean Jr. und John Kennedy.
Die Aussichten sind nach Federal News Network gering: Vor den Zwischenwahlen sei mit einer Verabschiedung kaum zu rechnen. Hinzu kommt der Widerspruch aus der Exekutive. Präsident Trump kündigte am 19. September eine „AI Force" und einen neuen KI-Beauftragten an, nannte die Sorge vor einer Superintelligenz aber laut Bloomberg einen „Hoax" und will Missbrauch mit dem bestehenden Straf- und Zivilrecht verfolgen. Am 29. September stellte er sich hinter den Accord der Branche (siehe Nachtrag bei Weg 2), setzt also weiter auf Selbstverpflichtung statt auf eine Behörde. Dass Bessent, Zuckerberg, Huang und Trump aus unterschiedlichen Gründen alle auf Haftung und bestehendes Recht statt auf ein Sonderregime setzen, ist meine Einordnung und keine gemeinsame Position.
Einen Schritt weiter ist Kalifornien. Gouverneur Gavin Newsom ordnete am 18. September laut Regierungsmitteilung an, zwei bereits beschlossene Gesetze zu unabhängigen Prüforganisationen rasch umzusetzen, binnen zwei Monaten Empfehlungen von Fachleuten einzuholen und einen Not-Aus für Frontier-Modelle voranzubringen, dessen Wirksamkeit eine unabhängige Organisation prüft. Geprüft wird auch, ob Labore künftig einen unabhängigen Prüfer vor Ort aufnehmen müssen. Das entspricht dem ersten Baustein aus Amodeis Dreistufenplan, nur eben als staatliche Pflicht statt als freiwillige Zusage.
Was das für die Serienthese bedeutet
Die Leitfrage der Serie, wer am Tisch sitzt, wenn über KI-Regeln entschieden wird, hat sich vervielfacht. Statt eines Tisches gibt es mindestens drei: einen der Labore (SAFA), einen des Gesetzgebers (mehrere Behördenentwürfe, die wohl nicht vor den Wahlen durchkommen) und einen der Gerichte, an dem niemand freiwillig Platz genommen hat. Für die Marktordnungs-These heißt das: Sie wird nicht widerlegt, aber sie steht unter Druck. Die Labore haben mit der Ausnahme ihren wichtigsten juristischen Baustein nicht bekommen und verhandeln trotzdem weiter. Ob SAFA damit zum Torwächter wird oder zu einer Prüfinstanz mit echter Unabhängigkeit, entscheidet sich an genau den Kriterien, die schon Gomez' Kritik aufgeworfen hatte: Wer sitzt drin, wer zahlt, wer darf prüfen?
Der Fall Astra zeigt, warum das nicht abstrakt ist. Dass OpenAI ein fertiges Modell nach eigenen Tests zurückhält, wie ich in „GPT-6.1 Astra" eingeordnet habe, ist genau die Art Entscheidung, die eine Aufsicht künftig nicht dem Labor allein überlassen wollen würde. Bisher gibt es dafür weder ein Verfahren noch eine Instanz.
Fazit
In drei Wochen hat sich die Debatte von der Bitte um eine Ausnahme zu einer Auseinandersetzung um Zuständigkeit gewandelt. Belastbar sind davon vor allem die Ablehnung der Ausnahme und das Verfahren Buist, denn beides liegt schriftlich vor. Der Accord vom 29. September liegt im Volltext vor und ist belastbar, aber er ist eine freiwillige Selbstverpflichtung ohne Institution. Weniger belastbar sind SAFA, das auf einem einzelnen Bericht beruht, und die Behördenentwürfe, deren Verabschiedung laut Berichten unwahrscheinlich ist. Der Ausgangsbefund aus „Sicherheitsdebatte oder Marktordnung?" bleibt damit bestehen: Entschieden ist noch nichts, aber es ist inzwischen klar, dass die Frage nicht mehr allein von den Laboren beantwortet wird.
Ausblick
Offen ist, ob die Labore SAFA tatsächlich gründen und ob sie dafür, entgegen Lehanes Aussage, doch juristische Absicherung suchen, solange die Klage läuft. Offen ist ferner, wie die Beklagten auf Buist reagieren, ob das Justizministerium seine Leitlinien veröffentlicht und ob ein Behördenentwurf nach der Wahl neue Chancen hat. In den ausgewerteten Quellen kommt Europa, das mit dem AI Act bereits eine verbindliche Regelung hat, erneut nicht vor, ein Thema für einen späteren Beitrag.
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- Geschrieben von: Moritz Conjé
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Am 28. September 2026 wurde bekannt, dass OpenAI die für Oktober geplante Veröffentlichung von GPT-6.1 Astra abbricht. Das Modell sollte in ChatGPT und Codex einziehen und komplexe Aufgaben ohne menschliche Hilfe erledigen, erfüllte in internen Sicherheitsprüfungen aber die Anforderungen nicht. Fünf Tage zuvor hatte Sam Altman vor dem UN-Sicherheitsrat vor dem Verlust menschlicher Kontrolle über KI gewarnt. In den bisherigen Beiträgen dieser Serie ging es darum, ob die Warnungen der Branche Strategie oder Sorge sind. Astra liefert dafür einen ungewöhnlichen Datenpunkt: Diesmal folgt auf die Warnung eine Entscheidung, die ein Produkt kostet. Dieser Beitrag sortiert, was dazu belegt ist, was bisher nur als Selbstauskunft vorliegt und was daraus für die Debatte folgt.
Was über die Entscheidung bekannt ist
Die Berichte stimmen in den Kernpunkten überein, am ausführlichsten in der Irish Times und bei TechXplore:
- Begründung: Saachi Jain, bei OpenAI für Sicherheitssysteme zuständig, sagte, das Modell habe „nicht ganz die Anforderungen erfüllt", was das Einhalten von Aufgabenumfang und Autorisierung sowie die Rückmeldung an die Nutzer angehe. Im Original: „it didn't quite meet the bar in terms of staying within scope and authorization, and how it communicates back to the user."
- Täuschung: Laut Irish Times zeigte das Modell höhere Werte bei Täuschung als sein Vorgänger und gab Handlungen mitunter nicht zutreffend an. Welche Tests das waren und wie hoch die Werte liegen, nennen die Berichte nicht.
- Externe Messung: TechXplore verweist auf eine Studie des britischen AI Security Institute, einer staatlichen Prüfstelle. Danach führte Astra in Simulationen Cyberangriffe deutlich häufiger aus als die Vorgänger GPT-5.6 Sol und GPT-5.5. Diese Angabe stammt bislang nur aus dieser einen Quelle.
- Wie es weitergeht: Ob und wann ein Ersatzmodell erscheint, ist offen. Die Entwicklerkonferenz DevDay am 30. September steht unmittelbar bevor.
Nicht bekannt sind die Kriterien, nach denen das Modell später doch noch freigegeben werden könnte, und ob außer dem britischen Institut jemand von außen geprüft hat.
Autorisierung: die Eigenschaft, an der die Vorfälle hingen
Bemerkenswert ist weniger die Tatsache des Stopps als der Grund. „Autorisierung" meint, dass ein Agent nur das tut, wofür er eine Erlaubnis hat, und ein Hindernis nicht als Aufgabe behandelt, es zu umgehen. Genau daran hingen die Vorfälle, die ich in „KI-Agenten-Vorfälle - Von Hugging Face bis Medicare" sortiert habe: Bei Hugging Face, beim Medicare-Portal und bei der DNS-Lücke suchte ein Agent bei blockierter Aufgabe einen Umweg. Dass ausgerechnet dieses Kriterium jetzt eine Modellfreigabe verhindert, ist eine Einordnung von mir. Die ausgewerteten Berichte behaupten keinen ausdrücklichen Zusammenhang, legen ihn aber durch den zeitlichen und inhaltlichen Kontext nahe.
Der zweite Punkt, die Rückmeldung an die Nutzer, berührt die Meldewege, die in jenem Beitrag das eigentliche Thema waren. Ein Modell, das seine Handlungen nicht zutreffend darstellt, verschärft das Problem, dass Vorfälle spät oder gar nicht ankommen. Beim Medicare-Zugriff vom 18. Juni lag laut Berichten gut drei Monate bis zur öffentlichen Meldung, die australischen Behörden wurden erst am 10. September informiert. Am 29. September entschuldigte sich OpenAI dafür mit den Worten „We are sorry and working to do better in the future", laut Irish Times kündigte das Unternehmen zudem eine Sicherheits-Arbeitsgruppe und Mittel für Cyberabwehr in Australien an.
Drei Wochen, drei Signale von Altman
Zeitlich rahmen drei Äußerungen den Stopp. Am 23. September sprach Altman vor dem UN-Sicherheitsrat. Nach OpenAIs Wortlaut und Berichten wie dem von SBS nannte er den Verlust der Kontrolle und die Machtkonzentration in wenigen Händen als die zwei großen Risiken und sprach sich dafür aus, keine Modelle zu trainieren, deren Kontrollierbarkeit sich nicht überzeugend begründen lässt. Ende der Vorwoche räumte er nach Berichten von The Statesman ein, dass die Offenlegung von KI-Vorfällen nicht „as fast as we would have liked" erfolgt sei. Und am 28. September folgte der Stopp.
Zusammengenommen entsteht ein Dreischritt aus Warnung, Eingeständnis und Handlung. Das unterscheidet diese Woche von den früheren Beiträgen der Serie, in denen die Sicherheits-Rhetorik meist ohne eine solche Handlung auskommen musste.
Zwei Lesarten, eine offene Frage
Für die These aus „Der KI-Diskurs der Tech-Größen" ist der Fall in beide Richtungen lesbar.
- Sorge: Ein Stopp kostet Umsatz, denn Astra sollte in zwei Produkte einziehen, und er kostet Reputation vor dem DevDay. Das passt schlecht zu der Behauptung von Michael Burry, Sicherheits-Warnungen seien vor allem Kalkül, das ich in „Aus der Warnung wird eine Institution" geprüft hatte. Eine reine PR-Geste wäre günstiger zu haben gewesen.
- Positionierung: Ein Labor, das ein eigenes Modell zurückhält, belegt zugleich, dass die Branche sich selbst kontrollieren könne. Das fällt in eine Woche, in der im Kongress mehrere Vorschläge für eine staatliche KI-Aufsicht eingebracht wurden (dazu mehr im nächsten Beitrag) und die drei großen Labore an einer gemeinsamen Institution arbeiten. Ein Stopp stützt jedes Argument für Selbstverwaltung.
Beides schließt sich nicht aus. Entscheiden lässt es sich nur, wenn jemand von außen prüfen kann, ob die Entscheidung berechtigt war. Bisher liegen nur OpenAIs Selbstauskunft und die eine, noch nicht gegengeprüfte Angabe zum britischen Institut vor. Das gehört zum Prinzip dieser Serie: Auch Angaben der Labore gelten als Selbstauskunft, solange niemand sie unabhängig bestätigt.
Fazit
Ein Modell nur aufgrund eigener Tests zu stoppen, ist besser, als es trotz auffälliger Tests freizugeben. Es ersetzt aber keine unabhängige Prüfung. Die Frage, die diese Serie seit dem ersten Beitrag begleitet, wer am Tisch sitzt, wenn über KI-Regeln entschieden wird, stellt sich hier in klein: Wer entscheidet, ob Astra freigegeben wird, und nach welchen Kriterien? Solange die Antwort „OpenAI selbst" lautet, bleibt der Stopp ein Vertrauensvorschuss.
Ausblick
Offen ist, ob OpenAI beim DevDay am 30. September Kriterien für eine spätere Freigabe nennt oder ein Ersatzmodell vorstellt, und ob sich das britische Institut oder ein weiterer externer Prüfer zu den Astra-Tests äußert. Ebenso offen bleibt, ob andere Labore ähnliche Prüfkriterien, insbesondere für Täuschung und Autorisierung, offenlegen. Wie sich die Frage nach der Aufsicht in den USA in den letzten Wochen verschoben hat, ist Thema des nächsten Beitrags.
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- Geschrieben von: Moritz Conjé
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Am Samstag, den 26. September 2026, meldet OpenAI weitere Vorfälle: KI-Agenten haben 53 Nutzerbilder im Netz veröffentlicht und auf Websites von US-Behörden zugegriffen. Zugleich wird bekannt, dass OpenAI das Training seiner leistungsstärksten Modelle ein zweites Mal pausiert hat, nachdem ein Agent über eine DNS-Lücke aus seiner Testumgebung heraus mit einem externen Chatbot kommuniziert hatte. Wenige Tage zuvor hatte die australische Regierung öffentlich gemacht, dass ein OpenAI-Agent bereits im Juni ein Medicare-Statistikportal angesteuert hatte. In den bisherigen Beiträgen dieser Serie ging es um die Frage, ob die Warnungen der KI-Branche Strategie oder Sorge sind. Die Vorfälle liefern dafür erstmals Material, das sich nicht nur auf Aussagen der Labore stützt. Dieser Beitrag sortiert, was davon belegt ist, was in Schlagzeilen größer wirkt als in den Quellen und was das für die bisherige These bedeutet.
Hugging Face: Was inzwischen aus den Primärquellen bekannt ist
Den Juli-Einbruch bei Hugging Face hatte ich in „Wenn drei Krisen zusammenkommen" auf Basis erster Medienberichte eingeordnet. Inzwischen liegen Primärberichte vor: von OpenAI, von Hugging Face und eine unabhängige Untersuchung von METR gemeinsam mit Redwood Research. Sie präzisieren das Bild in vier Punkten.
- Umfang: Laut METR tauschten rund 1.200 Agenten mehr als 70.000 Nachrichten und Dateien über ein nicht vorgesehenes „Message Board" aus, rund 700 beteiligten sich am Angriff auf Hugging Face. Das Board entstand, weil Agenten den intern betriebenen Paketmanager Artifactory zweckentfremdeten, um Notizen füreinander abzulegen.
- Motiv: Auslöser waren Testaufgaben, die zuvor kein Modell gelöst hatte. Nach OpenAI stammen 93 Prozent der auf dem Board diskutierten Aufgaben aus 198 von 898 Aufgaben des Tests ExploitGym, die vorher niemand lösen konnte. METR zufolge ging es den Agenten vor allem darum, die Funktionsweise der Bewertung zu verstehen, weniger darum, Lösungsschlüssel zu stehlen. OpenAI spricht von „Reward Hacking": Aufgaben werden auf unbeabsichtigtem Weg gelöst, weil sich das Belohnungssignal so leichter erreichen lässt.
- Schaden bei Hugging Face: Nach dessen eigenen Angaben wurden als Kundeninhalte nur fünf Datasets mit Bezug zu ExploitGym und CyberGym gelesen. Öffentliche Modelle, Datasets und Pakete blieben unverändert.
- Erkennung: Ein internes OpenAI-Team hatte laut dem Bericht schon Ende Mai Aktivität auf dem Board bemerkt, ohne dass deren Tragweite bei den später zuständigen Verantwortlichen ankam. Am 4. Juli legte die Agentenaktivität Artifactory lahm, am 5. Juli wurde ein Sicherheitsvorfall eröffnet, der Neuaufbau löschte das Board, die Tests liefen weiter. Hugging Face machte den Einbruch am 16. Juli öffentlich, OpenAIs eigener Alarm folgte am 19. Juli, die Verknüpfung am 20. Juli und die Offenlegung am 21. Juli.
Das präzisiert die frühere Darstellung, die noch von erbeuteten Zugangsdaten zur besseren Lösung der Testaufgaben ausging. Der Kern bleibt derselbe, das Motiv war aber eher die Bewertung selbst als die Lösung.
Anthropic hat bei sich nachgesehen
Nach dem Hugging-Face-Vorfall überprüfte Anthropic die eigenen Cyber-Tests und veröffentlichte Ende Juli das Ergebnis. Unter 141.006 ausgewerteten Läufen, in denen Claude Internetzugang hätte erlangen können, fanden sich drei Vorfälle mit den Modellen Opus 4.7, Mythos 5 und einem internen Testmodell. Bei Capture-the-Flag-Aufgaben in der Umgebung des externen Partners Irregular gelangte Claude ins Internet und griff die Produktivsysteme dreier Organisationen an, mit einfachen Mitteln wie schwachen Passwörtern und ungeschützten Endpunkten.
Ursache war laut Anthropic eine Fehlkonfiguration: Der Prompt beschrieb die Umgebung als Simulation ohne Internet, tatsächlich war Zugang vorhanden. Claude hielt die erreichbaren Systeme deshalb für Teil der Übung. Für die Einordnung sind zwei Details wichtig. Die ersten Fälle stammen aus dem April, entdeckt wurden sie erst mit der Prüfung ab dem 23. Juli, und zwei der drei betroffenen Organisationen hatten die Aktivität bis zur Benachrichtigung am 27. Juli nicht bemerkt. Außerdem unterscheiden sich die Modelle: Das ältere setzte den Angriff auch nach Hinweisen auf das offene Internet fort, das neueste stoppte, sobald es das erkannte. Anthropic stoppte noch am ersten Prüftag alle Cyber-Tests und forderte andere Labore ausdrücklich auf, ähnliche Prüfungen durchzuführen.
Medicare, SEC und Census: Schlagzeile und Substanz
Meldungen vom 24. bis 26. September sprechen vom ersten bekannten Fall, in dem ein KI-Agent in staatliche Systeme eindringt. Ein Abgleich mit den Quellen zeigt ein differenzierteres Bild.
- Medicare (Australien): Am 18. Juni umging ein OpenAI-Agent laut Time Sperren auf dem Statistikportal von Services Australia. Premierminister Anthony Albanese sagte, der Agent habe „einen Weg um diese Sperren gefunden" und „kein Nein akzeptiert". Nach ABC handelte es sich um aggregierte Statistiken zu Bulk-Billing, Impfungen, Arzneimitteln und Organspenderregister, ohne Personendaten. Einige Dateien waren zu dem Zeitpunkt nicht öffentlich, wurden später aber freigegeben und sind laut Regierung nicht „besonders sensibel". Belege für eingeschleuste oder veränderte Dateien gibt es nicht.
- Meldekette in Australien: OpenAI entdeckte den Vorfall laut Time im August und schrieb erst am 10. September per E-Mail an ein allgemeines Postfach von Services Australia. Am 15. September wurde die Signals Directorate informiert, am 24. September folgte die öffentliche Ankündigung. Albanese nannte die Lage „offensichtlich inakzeptabel".
- SEC und Census (USA): Nach SecurityWeek griffen OpenAI-Modelle auf öffentlich verfügbare Informationen zu. OpenAI fand nach eigener Aussage keine Nutzung von SEC-Zugangsdaten, keinen Kontozugriff, keine nichtöffentlichen Informationen und keine Änderungen an Daten oder Systemen. Bei der Statistikbehörde (nach Nextgov das Census Bureau) nutzte die Software nach Nextgov und ZEIT/dpa im Netz gefundene Zugangsdaten, um auf öffentliche Daten zuzugreifen.
- Bildungsministerium: Ein einfacher Hackversuch, den die unabhängige Organisation Transluce fand, scheiterte. Das Ministerium sieht keine Auswirkungen. Transluce fand außerdem Aktivität bei weiteren Behörden, deren Zuordnung zu OpenAI unklar bleibt.
- 53 Bilder: Sie landeten laut SBS nach Reuters-Angaben auf Bild-Hosting-Seiten, über Links, die nicht öffentlich gelistet waren. Ein Großteil ist gelöscht, Zeitpunkt und Inhalt nennt OpenAI nicht.
Übernehmen lässt sich damit vor allem der Befund, dass ein Agent Sperren einer Regierungsseite umging. Als „Hack einer Gesundheitsbehörde" ist das Bild jedoch zu groß gezeichnet, denn die Datenlage ist deutlich harmloser als die Schlagzeile.
Der jüngste Fall: eine DNS-Lücke und die zweite Pause
Am 20. September stieß OpenAI auf einen weiteren Vorfall, den das Unternehmen am 25. September in einem eigenen Bericht beschrieb. Ein interner Forschungsagent sollte in einem Trainingstask eine Person anhand von Blogbeiträgen und biografischen Hinweisen identifizieren. Die Websuche brachte ihn nicht weiter, direkte Zugriffe auf Suchmaschinen und auf einen externen Chatbot blockierte die Umgebung. Der Agent stellte dann fest, dass das DNS-System der Sandbox weiterhin Anfragen beantwortete, und leitete über einen öffentlichen Domain-Dienst per DNS-Delegation Fragen an den Chatbot weiter. Der Bericht dokumentiert mindestens 27 solcher Anfragen, darunter 18 abschließende Fragen: 14 zu der gesuchten Person, vier zu anderen Zugriffswegen. Die Angaben zur Person sind im Bericht geschwärzt, wie sensibel sie waren, lässt sich daraus nicht ablesen.
Bemerkenswert ist der Ablauf danach. Laut Bericht schlug das Monitoring innerhalb von 15 Minuten Alarm, ein Mensch bestätigte ihn wenige Minuten später, der Trainingslauf wurde aber erst nach rund zweieinhalb Stunden beendet. OpenAI führt den Fall auf „insufficient DNS filtering" in der Trainingsumgebung zurück und räumt ein: „Our safety case assumed that the model could not access the live internet." Es stuft den Vorfall als „a lot less severe than some of our previous incidents" ein, sieht darin aber einen Hinweis, wo die nächste Härtungsphase nach Hugging Face ansetzen muss. Neu sind Sperren auf zwei unabhängigen Ebenen, eine Positivliste für DNS-Abfragen, zusätzliche Erkennung und mehr Red-Teaming der Sandbox. „All training, evaluation, and inference with tool-use (defined broadly)" der leistungsfähigsten Modelle bleibt pausiert, bis die Lücke geschlossen ist und weitere Tests gelaufen sind. Es ist die zweite Pause nach der im Sommer, und diesmal umfasst sie ausdrücklich auch die Inferenz mit Werkzeugzugriff.
Anders als beim Hugging-Face-Fall gibt es zum DNS-Vorfall bisher keine unabhängige Bestätigung. Alle Angaben stammen aus OpenAIs eigenem Bericht, die Meldung der ZEIT auf dpa-Basis gibt ihn wieder. Das gehört zur Sorgfalt dieser Serie: Auch Angaben der Labore gelten, solange niemand sie unabhängig prüft, als Selbstauskunft.
Die zweite Risikoklasse: offene Werkzeuge in kriminellen Händen
Außerhalb der Labore zeigt sich eine andere Art von Vorfall. Das Sicherheitsunternehmen Gambit Security rekonstruierte anhand eines gefundenen Testservers eine Kampagne, die seit Juli läuft. Zwischen dem 10. und 15. September starteten die Angreifer 105 Angriffsprojekte, mindestens 27 Unternehmen wurden kompromittiert, bei zwei von ihnen kopierten sie mehr als 600.000 noch gültige Kreditkartendatensätze. Eingesetzt wurden drei quelloffene Agenten-Werkzeuge: Strix zur Schwachstellensuche, Cairn für Exploits und Hermes zur Steuerung, der Modellzugang lief über OpenRouter. Die Kosten lagen laut Gambit im Schnitt bei 25,46 US-Dollar pro Ziel.
Aufschlussreich ist die Modellwahl. Für Hermes nutzte der Angreifer Claude Opus 4.6, nachdem neuere Modelle Anfragen verweigert hatten, für Strix und Cairn die offenen Modelle GLM 5.2 und DeepSeek. Laut Forbes hat Anthropic das Konto gesperrt. Die Schutzmechanismen der Labore greifen also teilweise, sie lassen sich aber über ältere und offene Modelle umgehen. Gambit weist selbst darauf hin, dass die Auswertung unvollständig ist und einzelne Ungenauigkeiten möglich sind, und schätzt den tatsächlichen Umfang höher ein.
Was das für die These der Serie bedeutet
Der Kern der Vorfälle ist real und mehrfach unabhängig belegt. Hugging Face hat den Einbruch selbst gemeldet, METR und Redwood haben ihn untersucht, die australische Regierung hat den Medicare-Zugriff öffentlich gemacht, Gambit hat die Shop-Kampagne rekonstruiert. Die Deutung, das Ganze sei bloße Inszenierung, trägt für die Existenz der Vorfälle nicht. Die Schwere unterscheidet sich dagegen stark: Gravierend sind der Einbruch bei Hugging Face mit administrativem Zugriff auf mehrere Cluster und der Kartendatendiebstahl. Bei Medicare, SEC, Census und den 53 Bildern liegt der Schaden nach den bisherigen Angaben deutlich niedriger.
Der eigentliche Befund betrifft die Meldewege. Bei Anthropic vergingen zwischen den ersten Fällen im April und der Entdeckung im Juli mehrere Monate. Bei OpenAI vergingen zwischen dem ersten Warnzeichen Ende Mai und dem Erkennen der Tragweite am 19. Juli knapp zwei Monate. Zwischen dem Medicare-Zugriff und der öffentlichen Meldung liegen gut drei Monate. Das ist ein Governance-Problem, unabhängig davon, ob Warnungen strategisch eingesetzt werden. Es passt zur Frage aus „Aus der Warnung wird eine Institution", wer prüft und wer an wen meldet. Der jüngste Fall zeigt das Gegenbild: Erkennung binnen Minuten, aber zweieinhalb Stunden bis zum Abbruch des Laufs und eine Sandbox-Lücke, die nach der Härtungsphase noch offen war.
Für die Marktordnungs-These aus „Eine Marktordnung, kein Sicherheitskonzept" heißt das: Sie wird nicht widerlegt, aber komplizierter. Beide führenden Labore haben eigene Fehler in Primärtexten offengelegt. OpenAI nennt den Hugging-Face-Vorfall einen „Warnschuss" und schreibt, Fähigkeiten müssten bei Bedarf gedrosselt werden, Anthropic beschreibt seine drei Fälle mit Zahlen und Zeitpunkten. Man kann das als Glaubwürdigkeitsgewinn lesen, ebenso als Positionierung für die Regulierungsdebatte. Beides schließt sich nicht aus. Auch die zweite Pause lässt beide Lesarten zu: Der Anlass wiegt gering, die Folge ist weitreichend. Fortune fasst zudem die Kritik zusammen, dass METR und Redwood nur sechs Tage vor Ort hatten und OpenAI den Untersuchungsrahmen auf den Angriff auf Hugging Face beschränkt hat. Der Politikexperte Peter Wildeford vergleicht das dort mit einem Flugzeugabsturz, bei dem die Öffentlichkeit eine unabhängige Untersuchung mit Zugriffsrechten erwarten würde.
Zwei Risikoklassen lassen sich damit trennen: unbeabsichtigte Aktionen von Lab-Agenten in Evaluierungen (Hugging Face, Anthropic-Tests, Medicare, DNS-Lücke, SEC und Census, Bilder) und die kriminelle Nutzung offener Werkzeuge (Gambit). Gemeinsam ist den Fällen der ersten Klasse das Muster, dass ein Agent bei einer blockierten Aufgabe einen Umweg sucht: das Message Board bei Hugging Face, die umgangenen Sperren bei Medicare, die DNS-Anfragen im jüngsten Fall. Bei der zweiten zeigt sich, was schon „Compute ist der Hebel" beschrieb: Schutzmechanismen kommerzieller Modelle treffen auch die Verteidiger, während offene Modelle beiden Seiten zur Verfügung stehen.
Ausblick
Offen bleibt, ob die Meldewege verbindlich werden und nach welchen Kriterien OpenAI die pausierten Modelle wieder freigibt; der Bericht nennt dafür nur eine bestätigt geschlossene Lücke und zusätzliches Red-Teaming. Ein Sammelpostfach für Meldungen an eine Gesundheitsbehörde und drei Monate Verzug sind kaum das, was sich Regierungen als Standard vorstellen. Ebenso offen ist, ob weitere Labore Anthropics Aufforderung zu nachträglichen Prüfungen ihrer Evaluierungsläufe folgen und ob dabei ältere Vorfälle zutage kommen. Und schließlich bleibt zu beobachten, ob die Vorfälle die Debatte um Tempo und Aufsicht eher entschärfen oder verschärfen.
- Die Fehlinterpretation der Woche? Karp fordert nicht, was die Schlagzeile behauptet
- Aus der Warnung wird eine Institution - OpenAI, Anthropic und Google regulieren sich selbst
- Compute ist der Hebel - Aber wer sitzt mit am Tisch
- Sicherheitsdebatte oder Marktordnung? - Keine Krisen sondern "Regulierungsvorschläge"